Martin Luther Lesebuch
Audio: Martin Luthers Predigt am Ostersonntag in Coburg
Jun 23, 2020 · 26 min
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Diese Predigt hielt Martin Luther am Ostersonntag den 17.04.1530 in Coburg. Luther hielt sich in dieser Zeit in Coburg auf, um möglichst nah an den Religionsgesprächen dabei zu sein, die in Augsburg stattfinden. Er selbst kann nicht nach Augsburg reisen, da er unter Reichsacht steht. So blieb Luther fast sechs Monate in Coburg. Er selbst berichtet: „Es ist ein überaus reizender und für Studien geeigneter Ort.“ Der Predigttext wurde der Weimarer Ausgabe der Luther Werke Bd. 32, Kap. 7 (s. 39-47) entnommen und geringfügig sprachlich angepasst (download als .pdf).

Liebe Freunde, ihr habt oft die Begebenheiten gehört, die sich an diesem Tag, an dem Christus auferstanden war, begeben haben und wisst, wie die lieben Jünger Christi und die Frauen zu der unerwarteten Freude, an die sie nicht einmal zu denken hofften, gekommen sind. Die gleichen Begebenheiten sollte man wohl noch ausführlicher erklären, obwohl es noch viele zu finden gibt, die zu gerne klug werden und sich dünken lassen, sie kennen diese und der gleichen Begebenheiten ganz gut und warten und harren auf etwas Neues. Doch wollen wir uns, liebe Freunde, schicken, als die es noch nicht wissen und wollen sagen, warum solche Begebenheiten geschehen und wozu sie uns nützen. Es ist eine sehr schlechte Kunst, solche Geschichten zu kennen und darüber reden zu können, wenn man nicht weiß, wozu sie mir und dir nützen und dienen. Denn das alles ist darum geschehen, dass uns allen dadurch geholfen und geraten werde.

Das ist auch denn die Ursache, warum Paulus so ausführlich von diesen Geschichten predigt und rühmt, dass es ein Triumph sei und gegen Sünde, Tod, Teufel, Hölle und alles Übel siege (Kol. 2,15). Das man Christus also ansehe, dass er solches nicht getan habe um seiner selbst willen, sondern man muss solche Geschichten von seinem Nutzen für andere und unser aller Nutzen preisen. Er durfte ja Nichts sein, er hätte wohl verklärt werden können; eine solche Auferstehung, wie er genau das selbst bewiesen hat auf dem Berg Tabor, da er sich nur seinen Jüngern verklärte. Aber er hat diese Weise darum für sich genommen, damit er uns damit diente. Am Karfreitag hat er angefangen und ist an unsere Stelle getreten und hat dem Teufel ein solches Bild unter die Nase gehalten, dagegen er anlaufen sollte.

Denn der Teufel ist ein Fürst des Todes, dass er die Leute würgen, in Sünde und Hölle werfen kann. Darum wird er zu Recht ein Fürst der Sünde und des Todes genannt, denn er hat das Handwerk so lange getrieben, dass ihm niemand widerstehen noch entlaufen kann oder möchte. Darum wurde er auch sehr stolz und mutig. Da kam nun unser lieber Herrgott und legte ihm einen Bissen vor, an dem er sich tot beißen sollte und schickte Christus auf die Erde ins Fleisch. Aber der Teufel bedachte das alles gar nicht, dachte nur, er wollte auch ihn bald auffressen. Steckt ihn erst in die Sünde, dass er verurteilt und gerichtet wurde, wie ein Aufrührerischer, wie denn solches auch der Titel aufzeigt, der über das Kreuz geschlagen war. Da muss er sterben wie ein verzweifelter aufrührerischer Bösewicht, der sich unterwunden hat, das ganze römische Reich anzugreifen und an sich zu reißen. Darum meint der Teufel, er habe ihn gewiss und wolle ihn auch erwürgen, wie er denn tut. So er ihn nun also hingerichtet hat, meint er, er müsse nun ewig in einem solchen Tod bleiben. Was aber geschieht? Christus steht unversehens auf von den Toten und tritt Teufel mit Sünde, Tod und Hölle unter die Füße und wird so ein Herr über Teufel, Sünde und Tod. Er tut solches auch nicht mit Gewalt, sondern hat das Recht dazu, dass ihm auch der Teufel selbst solches muss recht geben.

Denn darum geht das liebliche Osterfest. Da nimmt der liebe Christus den Teufel, die Sünde und den Tod und führt sie vor Gericht und klagt den Teufel an: Warum hast du mich als einen Aufrührerischen gerichtet und verdammt? So ich doch Gottes Sohn, die ewige Gerechtigkeit selbst bin? Warum hast du mich in den Tod und die Hölle geworfen, so ich das ewige Leben und die Seligkeit bin? Gegen eine solche Anklage kann nun der Teufel nichts aufbringen und muss gar verstummen, da es doch mächtig erklingt, dass der Christus, der an das Kreuz gehängt und getötet wurde, die ewige Gerechtigkeit, Weisheit und Leben sei. So muss der Teufel rechtshalben völlig um seine Herrschaft und Gewalt kommen. Zuvor hatte er das Recht uns zu erwürgen, da war er unser Henker und brauchte seines Rechts. Aber was will er nun anheben? Dieser Mensch Christus, hat nie eine Sünde getan und dennoch hat er ihn aus Mutwillen erwürgt. So richtet nun Gott der Allmächtige in diesen Sachen und spricht: „Teufel, du hast dein Amt an diesem Menschen verwahrlost, ich werde dir das Leben nehmen, du hast das Maul verwöhnt und hast einen zu großen Bissen geladen.“ Da geht denn das Urteil mit Macht einher, dass der Teufel samt der Sünde und dem Tode Christus unterworfen werden.

Dies ist nun der löbliche und herrliche Triumph dieses Festes, dass der Teufel also und alles was wider Christus gewesen ist, Christus nun mit Recht zugesprochen und unterworfen wird, dass der Teufel zwischen zwei Stühlen niedersitzt und nun zurückgeben muss, was er nie gefressen hat. Es muss alles hervor und wieder lebendig werden um des einen Menschen willen.

Also gibt Hiob auch ein Gleichnis des Leviathans, des großen Walfischs (Hiob. 40,20). Meinst du auch, spricht er, dass du den Leviathan mit einem Hammer bändigen und seine Zunge mit Stricken binden kannst? Georgius[1] geht auch mit diesem Spruch umher, als wollte er sagen: „Er wird dir viel zu groß sein und du musst einen anderen Hammer dafür haben, dieser wird es nicht tun, du musst eine gute Büchse haben.“ Dennoch hat Gott das beendet. Er nahm eine wirkungsvolle Angel und hängte ein Regenwürmlein daran und warf die Angel ins Meer. Das Regenwürmlein ist nun Christus, die mächtige Angel ist seine Gottheit. An die Angel ist das Regenwürmlein gebunden, nämlich die Menschheit Christi und das Fleisch. Das betrügt den Teufel, er denkt: „Soll ich das kleine Regenwürmlein nicht verschlingen können?“ Er übersieht die scharfe Angel und zehrt und beißt in die Angel, da kommt Christus und zieht ihn raus und bringt ihn mit sich heraus, was der Teufel nie getan hat. Denn es war ja zu hoch angesetzt: Tod wider das Leben. Sünde wider Gnade. Hölle wider Himmel.

Wie nun dem Teufel solcher Kampf misslungen ist, so ist es auch der Sünde ergangen. Dieselbe nahm Christus auch und klagt ihn an für Pilatus, da ging der fromme Christus dahin. Wie geschah es aber? Unter der gleichen Sünde, die Christus auferlegt war, war eine ewige Gerechtigkeit verborgen, die beißt sich nun mit der zeitlichen Sünde. So rate nun, wer gewinnen wird und wer in den Flammen untergehen wird? Das ist gewiss, dass die Gerechtigkeit Christi nicht untergehen noch verdammt werden kann, denn es ist eine ewige Gerechtigkeit, in die keine Sünde einfallen kann. Also hat sich auch die Sünde an Christus umsonst abgerackert. Er lässt ihr wohl eine Zeitlang ihren Mutwillen, dass sie weiter klebe, aber ohne jede Macht. Er klemmt sie also selbst und würgt alle Sünde der Welt. Wenn sich nun die Sünde an uns legt, so stößt sie uns an alle Arbeit herunter. Warum das? Darum, weil in uns nicht so viel Kraft und Macht ist, um ihr zu widerstehen. Aber Christus ist der Mann, der es kann, dem selbigen kann die Sünde nichts anhaben, denn er hat und ist auch selbst die ewige Gerechtigkeit, dem weder zeitliche Sünde noch sonst etwas Anderes schaden kann.

So lief sich auch der unfreundliche Tod an Christus ab. Er traf auf eine Person, die unsterblich war. So ist es ja ein vergebenes Unternehmen und närrisch zu tun, dass sich der arme Tod an ein ewiges Leben legen will, das nicht sterben kann. Dennoch hat er das getan und ist so betrogen worden, ja er betrügt sich selbst und will das ewige Leben treffen: Nein, lieber Tod, das wird zu viel, es ist an dem genug gewesen, dass er uns das leibliche Leben im Paradies gestohlen und uns darum gebracht hat. Also hat Christus auch den Tod in sich selbst eingeklemmt und gedämpft.

Der Teufel, wie ich es schon gesagt habe, war der Gewalt und Herrschaft gewöhnt. Aber er sah die ewige Herrschaft Christi nicht, so läuft er nun dran und will den überwinden, der nicht zu überwinden ist. So gehen sie nun auf einen Haufen dahin: Teufel, Sünde und Tod und solches alles hat die Auferstehung Christi bewirkt. Darum preist sie auch Paulus so herrlich. Am Stillen Freitag[2] ist Christus in unsere Sünde getreten und gestorben. Aber jetzt wird das Bild tröstlicher. Da sieht man keine Sünde, keinen Tod auch keine Wunden noch Mahle an ihm. Ist es nun meine Sünde, mein Tod und mein Teufel gewesen, wohlan, so ist er verschlungen, wie auch Jesaja im 53. Kapitel sagt: „Alle unsere Sünden sind auf ihn gelegt“ (Jes. 53,5). Sind sie nun auf Christus gelegt, wo bleiben sie denn? Der heilige Paulus antwortete den Korinthern im 15. Kapitel: „Der Tod ist verschlungen im Sieg“ (1. Kor. 15,55). Da bleibt er auch samt der Sünde und dem Teufel.

Siehst du nun Christus an, so wirst du sehen, dass er völlig anders dasteht, als am stillen Freitag am Kreuz: Dort waren sie alle zu Hauf versammelt, Sünde, Tod und Teufel und legten sich an den armen Christus. Jetzt liegen sie alle gefangen und gebunden unter seinen Füßen. Das sind klare Zeichen des ewigen Lebens, der Seligkeit und der Gerechtigkeit an Christus.

Das heißt und ist der Christen Kunst, mit der nur Christen allein umzugehen wissen. Vom äußerlichen Leben und Werken können auch andere Leute lehren und sagen. Aber dies ist das rechte Hauptstück, Grund und Boden, dass ich nicht mehr lerne, als mit meinem Herzen diesen Christum anzusehen. Es geht hier nicht darum mit Werken umzugehen, sieh mit mir nur dem Spiel zu und lerne den Mann in seinem Werk wohl erkennen, dass er deine und meine Sünde auf sich nimmt und braucht keine anderen Waffen, als seinen Leib. Das ist ein liebliches und freundliches Schauspiel, dass keiner mit Worten ausschöpfen noch ausstreichen kann. Es ist auch ein köstlicher und herrlicher Triumph, dass er nichts mehr dazu tut, denn seinen eigenen Leib und richtet eine solche Schlacht an, dass er den Teufel, die Sünde und den Tod aller ihrer Herrschaft beraubt.

Wie schwer scheint es uns, wenn wir uns mit den Sünden schlagen und dieselben durch uns ablegen wollen. Da haben die Mönche so viele Werke und Gebete erdacht. Da haben wir gefastet, Wallfahrten ausgerichtet und der Dinge unzählig viel und das alles darum, dass wir der Sünde gerne los gewesen wären. So sehr hängt es uns noch an, dass wir uns gerne selbst wollen helfen. Aber es tut es nicht, dass ist allein die Kunst hierin, dass man Christus zusehe, so werden wir sehen, dass er sich mit Teufel, Sünde und Tod beißt und würgt sie auch in seinem Blut. Denn er hat ein ewiges Leben und Gerechtigkeit, dazu auch Fleisch und Blut und Gottheit sind in Christus. Wie kann den nun Sünde und Gerechtigkeit, Tod und Leben zusammenbleiben? Es muss sich eins mit dem anderen treffen und eins das andere wegbeißen. So ist nun die Person gestorben und kann dennoch nicht sterben und das Fleisch ist tot und muss dennoch der Gottheit halben das Leben haben.

Dieser Anblick und das Ansehen machen dich zu einem Christen und wenn du es glaubst und für gewiss hältst, so hast du die Gerechtigkeit und das Leben, dass er hat. Denn er tut solches nicht um seinetwillen, sondern dir zu nütze und zu gut. Dir zu gut hat er den Teufel also gefangen und dir ebendiesen Sieg zu eigen geschenkt. Für sich dürfe er es gar nicht und das Recht, dass er wider den Teufel hat, hat er dir zu eigen geschenkt. Kein gutes Werk brauchst du dafür, dass du es verdienen wolltest. Er schenkt es dir, allein sei du so fromm und nimm die Almosen dankbar an. Aber es ist ein so großes Werk und wir sind so ungläubige Menschen, dass wir es nicht fassen noch in unser Herz bringen können.

Aus diesem allen lernen wir, dass wir unsere Gerechtigkeit nicht aus eigenem Verdienst noch aus unserem Bedacht haben, sondern allein aus Gnade und Barmherzigkeit. Denn wer hat solches immer mehr vom Sohne Gottes denken können? Es ist auch diese Predigt, wie Paulus sagt und die Erfahrung lehrt, allezeit für eine Torheit bei den Heiden und Weisen dieser Welt gehalten worden (1. Kor. 1,18 ff). Dies wird sie auch heute noch bei den Türken, denn es ist ein schwerer Artikel, daran wir schwerlich hängen können.

So ist nun dies der Nutzen des Leidens und der Auferstehung Christi, dass er solches nicht für sich, sondern für die ganze Welt getan hat. Dass er den Teufel und meine Sünde, die am stillen Freitag an ihm hingen, unter die Füße getreten hat, dass der Teufel auch vor dem Namen Christi flieht. Willst du nun ein solch großes Gut gebrauchen, wohlan, er hat es dir schon geschenkt. Tu du ihm nur so viel Ehre und nimm es mit Dank an.

Wenn nun Sünde oder Teufel kommen und sich an dich kleben wollen, wie willst du dich wider sie rüsten und wehren? Was willst du tun, dass du sie von dir jagst? Also musst du ihn tun lassen. Diese Auferstehung Christi ist nur durch das Wort dein geworden, das Evangelium trägt es dir zu, damit es dein eigen soll sein. So kannst du diese nun in keine Monstranz[3]  lassen als in dein Herz. Wenn nun die Sünde kommt und dich anklagt und spricht: „Dies und das hast du getan, wo willst du bleiben? Du musst in den Tod und die Hölle.“ Bist du dann kein Christ, so gehst du dahin, denn da kann niemand erhalten bleiben, als allein ein Christ. Der kann so antworten: „Ich habe Unrecht getan, dass weiß ich wohl, aber mit Sünden umzugehen gehört unter die Menschen. Christen geht es nicht an, denn es ist nur einer der Christus heißt. So komm nun her, liebe Sünde und lasse uns ebendiesen ansehen, ob er auch eine Sünde, Tod und Teufel an sich habe. Aber ich weiß gewiss, dass du der keines an ihm finden wirst. So wisse nun, Sünde, Tod und Teufel und alles was mich anficht, dass du mich recht antriffst. Ich bin nicht von denen, die vor dir erschrecken. Denn Christus, mein lieber Herr, hat mir seinen Triumph und Sieg, da du ihn zu Boden getreten hast, geschenkt und eben von dem gleichen Geschenk habe ich auch den Namen, dass ich ein Christ heiße, sonst von keinem Ding. Meine Sünde und Tod sind am Stillen Freitag an seinem Hals gehangen. Aber am Ostertag sind sie verschwunden und verschlungen. Diesen Sieg hat er mir geschenkt. Darum kehre ich mich nicht um dich.“

So soll ein Christ lernen und gewiss dafürhalten, dass Christus solches nicht allein getan hat, sondern ihm zu eigen geschenkt hat, dass er von sich alle Anstöße zu treiben wisse. Sonst würde er nicht ein Christ, sondern ein närrischer Mensch sein, der die Sünden anders ansieht, als sie anzusehen sind. Denn du siehst die Sünde an, wie du willst, wenn du sie nicht so ansiehst, dass sie auf Christus gelegt und von Christus unter die Füße getreten und dir danach geschenkt sind. Sonst bringen sie nichts als Sorgen, Schrecken und Verderben. So schicke dich nur also darein, halt es gewisslich dafür, dass Christus deinen Tod und deine Sünde am stillen Freitag auf sich genommen hat und komm danach am Ostertag wieder und betrachte diesen guten Tag und sprich: „Schau mich mal an, wo bleibt deine Sünde? Hier siehst du keine Sünde mehr, sie sind alle hinweg, was willst du dich denn da noch fürchten? Auf diese Weise ist mir und dir und allen christusgläubigen Menschen dieses Werk der Auferstehung geschenkt. Benutze ich es so nicht, so tue ich meinem Herrn Christus ein großes Unrecht, dass ich seinen Triumph und seinen Sieg so müßig stehen lasse. Es soll nicht ein müßiger Sieg sein, er will wahrlich viel damit aufrichten, dass ich in allen Anfechtungen, Sünden und Schrecken nichts anderen sehe, als die fröhliche Auferstehung Christi.“  Wer nun diesen Sieg also ans Herz binden kann, der ist schon selig. Denn es komme Sünde, Böses Gewissen, Hunger, Pestilenz, Krieg und der Dinge, was es sei, bist du in der Auferstehung Christi geübt und gerufen, so wirst du bald sehen, dass solche schrecklichen Bilder nichts anderes sind, als des Teufels Waffen, der nimmermehr keine Ruhe haben kann, wie es denn jetzt ein Abenteuer vor den Augen geht, solch seltsame Mauer und Rüstung führt der Teufel.[4] Was willst du nun in solcher Gefahr tun? Weil du sicher bist, dass solches des Teufels Waffen sind, willst du erst lang und breit mit ihnen umgehen und sie schön aufpolieren? Wie willst du daneben die Waffen Christi, damit er auf diesem Fest gekämpft hat, verrosten lassen? Nein, bei Leib, sondern lass es also gehen und stehen und sprich: „Ich kann nicht mit Sünden umgehen, Jesus Christus, der kann das. Dem will ich zusehen, wie er ihm tun wird, auf den allein will ich Achtung haben, was er damit machen will. Dieser Christus lässt sich die Sünde anhängen und schlägt sie hinweg. Ich kann es nicht, darum will ich auch damit umgehen.“

Wenn ich mich also des Schatzes annehme, so müssen Sünde, Tod und Teufel und alle Schrecken aufhören und ob es gleich geschieht, dass man zur Zeiten noch Sünde und Schrecken fühlt, wie es denn nicht kann aufgehoben werden, weil wir in dem alten Sack stecken, wohlan, es schadet nicht, es wird dir darum dieser Sieg und Triumph nicht genommen. Und ob du es gleich zulässt, dass dich die Sünde noch drücke, so sprich trotzdem: „Ich fühle sie nicht. Ursache: am Stillen Freitag sah ich noch alle meine Sünde an Christus hängen, aber am Ostertag sind sie alle hinweg.“ Geht es doch sonst so zu, dass sich einer vor dem Gericht entsetzt, ob er gleich unschuldig ist, dennoch hat er nicht minder die Hoffnung, es werde ihm nicht übel darüber gehen. Also auch hier, die Sünde und der Tod können uns wohl einen Schrecken einjagen, aber weil wir einen Stärkeren kennen, der an dem Ostertag auferstanden ist, ohne jede Sünde, nehmen wir uns solcher Auferstehung an und glauben, dass wir in Sünden Gerechtigkeit und in dem Tod das Leben haben durch Christum.

Das ist nun eine seltsame und unerhörte Predigt für die Welt, die keine Vernunft fassen noch glauben kann, dass, ob wir gleich Sünde und Tod und des Teufels Reich fühlen, wir desselbigen los und ledig sollen werden durch einen anderen, der sich unser annimmt. Natürlich geht es ja also zu, dass der die Strafe leidet, der da gesündigt hat und aus diesem Wahn ist es auch gekommen, dass Christus gar zugedeckt worden ist mit unseren eigenen Werken und Verdienst. Daher sind bei den Mönchen so viele Werke geflossen und auch bei den Türken heutigentags, denn die ganze Welt muss also schlussfolgern: „Niemand zahlt für den Andern.“  Da ist denn der Papst zugefahren mit der Genugtuung und Buße für die Sünde, welches nichts anderes ist, als die Sünde auf sich selbst zu laden. Aber es heißt vielmehr so: „Eines Anderen Gerechtigkeit soll und muss solches tun. Wenn meine Sünden auf mir liegen, so drücken sie mich zur Erde und treiben mich zur Verzweiflung.“ Aber die Gerechtigkeit Christi tröstet, stärkt und erlöst uns.

Eine seltsame Predigt ist es, das ist wahr, aber sie allein macht Christen. Mit meinen Sünden habe ich den Tod verdient, das ist wahr, da hilft kein gutes Werk, keine gute Meinung, keine Genugtuung, sie sei, wie sie wolle. Es muss ein Fremdes kommen, das nicht mein ist und dass ich nicht haben kann. So kostet es nun einen Christen nicht mehr, denn das Ansehen mit dem Herzen. Der fromme Christus heißt jetzt Martin, Petrus und Magdalena, der Christus ist am Stillen Freitag Petrus geworden, der ihn doch verleugnet hat. Aber an den Ostertagen kommt er hervor und spricht: Hier ist keine Sünde mehr.

So ist nun unsere Kunst nicht in Werken, sie heißen wie sie wollen, sie sind klein oder groß, böse oder gut, es liegt allein an dem, dass wir dem Christus zusehen und von ihm mit Dank annehmen, was er uns gibt. Und das will auch haben die Darstellung im 4. Buch Mose von der ehernen Schlange (4. Mo. 21,9). Da kostet es die Gesundheit nicht mehr, als das ansehen, sonst half gar lauter nichts. Sie mussten alles fallen lassen, was sie abreißen oder tun wollten. Alles war vergebens, ja sie machten die Schlangen nur grimmiger und zorniger damit und das Übel wurde nur ärger, da war die einzige Kunst aller Apotheken und Ärzte an die eherne Schlange zu schauen. Also geht es auch mit uns zu, die feurigen Schlangen beißen uns auch, wir fühlen die Sünde in uns und sehen, dass wir darum ewiglich verloren sind. Was sollen wir nun tun, dass wir ihrer los werden? Nichts mehr denn ansehen. Wenn ich mit meinen Fäusten die Schlangen abreißen will an diesem Ostertag, wie sie uns gelehrt haben, so wird es uns eben darüber gehen wie den Juden, dass man aus dem Übel Ärgeres macht und wo vorher eine Sünde war, sind jetzt zehn andere.

Denn rechne es du selbst aus: Wenn du die Sünde selbst ablegen willst, hast du nicht allein Unrecht an der Sünde getan, sondern damit auch in das Amt Christi gegriffen und sprichst: „Ich will Christus sein.“ Das ist nichts Anderes als sich zu unterwinden mehr zu sein als Gott, welches die größte Sünde ist. Nicht, um Gottes willen! Sondern lasst ihn Christus bleiben, lasst ihm sein Amt. Es ist genug an den anderen Sünden, die wir tun. Christus hat in Matth. 24 recht gesagt: „Es werden viele falsche Propheten kommen und sagen: ich bin Christus (Matth. 24,5).“ Denn wir selbst, wie ihr wisst, haben so gelehrt und getan und die Pfaffen und Mönche noch heutigentags, wenn sie sagen: „Liebe Freunde, gebt uns euer Almosen, so wollen wir für euch bitten, fasten, wachen und euch all unserer guten Werke teilhaftig machen.“ Was sagen und tun sie anderes, denn dass sie Christus sind und Christus in sein Amt greifen? Das euch der Teufel von der Kanzel werfe, dass ihr euch an Christi statt also setzt und uns doch nichts dafür gebt, denn finster Messen und solcherlei Narrenspiel. Dennoch geschieht solches noch allenthalben im Papsttum. Das es Christus allein tun kann und soll, da wird nichts daraus.

Darum liebe Freunde, lasst uns fleißig bitten, dass wir bei dem Ostertag bleiben können: Wo das geschieht, so hat es keine Not mit allen Rotten und Irrtum. Verlieren wir aber ihn, so ist es aus. Dann kann man überall keinem Irrtum, auch nicht dem geringsten steuern, wie ihr den seht, dass es den Mönchen, Nonnen und Pfaffen so gegangen ist und noch geht, dass sie Stein und Holz anbeten, wie wohl ihr jetzt einst solches nicht getan wollt haben. Doch dennoch ist es wahr, dass uns der Papst viel gräulicher gemacht und gerichtet hat, als der Türke. Mit solchem Narrenwerk sind wir umgegangen, dass es ja wahr bleibt, wer den Stillen Freitag und den Ostertag nicht hat, der hat keinen guten Tag im Jahr. Das ist: Wer nicht glaubt, dass Christus für ihn gelitten und auferstanden sei, mit dem ist es aus. Denn daher heißen wir auch Christen, dass wir Christus ansehen können und sagen: „Lieber Herr, du hast meine Sünde auf dich genommen und bist Martin, Petrus, Paulus geworden und hast so meine Sünde zertreten und verschlungen. Da soll und will ich meine Sünde suchen, dahin hast du mich auch gewiesen.“ Am Stillen Freitag sehe ich meine Sünde noch deutlich, aber an den Ostertagen ist es ein neuer Mensch und eine gar neue Haut geworden, da sieht man keine Sünde mehr. Das alles hast du mir geschenkt und gesprochen, du hast meine Sünde, meinen Tod und meinen Teufel überwunden.

Auf die Weise predigen nur wir allein von Gottes Gnaden den Nutzen und den Brauch der Auferstehung Christi, wie ihr denn, als ich mich versehe, oft gehört habt: Hütet euch allein dafür, dass ihr euch nicht lasst dünken, ihr könnt es. Ich und du und wir alle miteinander haben daran zu lernen, so lange wir leben. Gott gebe nur, dass wir es wohl lernen. Amen.


Fußnoten:

[1] Gemeint ist Georgius, der Drachentöter (3. Jh. n.Chr.), ein legendärer christlicher Heiliger, der Überlieferung zufolge zu Beginn der Christenverfolgung unter Diokletian als Martyrer umgekommen.

[2] Gemeint ist Karfreitag

[3] Liturgisches Schaugerät, Reliquie, religiöses Heiligtum

[4] Hiermit nimmt Luther offensichtlich Bezug auf den Reichstag zu Augsburg 1530, an dem sich Kaiser Karl V. der Glaubensspaltung erneut annahm.
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